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Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Von Flöhen und Forschern

In seinem für den erstmalig vergebenen Deutschen Literaturpreis nominierten Roman "Die Vermessung der Welt" gelingt Daniel Kehlmann eine Neudefinition von Geschichtsschreibung.

Charakterlich waren sie so unterschiedlich und dennoch gemeinsam die Väter eines neuen Zeitalters, in dem die Welt bis in jeden Winkel vermessen und „nie mehr so sein würde wie zuvor“: Alexander Humboldt, der unter Einsatz seines Lebens Südamerika für die europäische Welt erschloss, und Carl Friedrich Gauß, Mathematiker, Astronom und Physiker, der, hochbegabt, für die titelgebende „Vermessung der Welt“ die theoretischen Grundlagen formulierte und froh war, wenn er Göttingen nicht verlassen musste.
Eine Doppelbiographie? Ein weiteres Stück Wissenschaftsgeschichte zum Gauß-Jahr?
Sicher auch, aber unglaublich mehr als das. Ein Panorama tut sich auf, in dem die erste Ballonfahrt mit Goethe und dessen Überzeugung, das Erdinnere sei hart und kalt, in Verbindung steht und die Konkurrenz der beiden Brüder Humboldt oder die weltfremde Einsamkeit und schroffe Ungeduld des hochbegabten Gauß mit dem politischen und geistigen Klima einer ganzen Zeit. Was der eine als Geograph leistete, unterstützte der andere mit seiner theoretischen Brillanz, gemeinsam legten sie den Grundstein für eine Forschung, die rückblickend in den wissenschaftlichen Positivismus führen musste.

Und dabei wird dem Leser en passant plötzlich klar, was Geschichtsschreibung auslässt: ein Genie kann nicht ohne Weiteres zugleich ein guter Familienvater sein, ein von seiner ehrgeizigen Idee Besessener muss unter Umständen, wie Humboldt bei seinen Expeditionen in Südamerika, nicht nur das eigene Leben, sondern auch das seiner Begleiter in Gefahr bringen. „Mich hat ja immer schon die Größe und Lächerlichkeit von Menschen fasziniert, die sich dem Chaos der Welt unter dem Schutz einer Idee nähern“ gesteht Kehlmann in einem Gespräch mit Walter Grond in „Volltext“. Und wenn Humboldt neben der Sklaverei die Idee, der Mensch stamme vom Affen ab, als „die größte Beleidigung des Menschen“ bezeichnet, wird transparenter, was Humanismus – implizit bis heute – auch ist: der Glaube an die Allmacht des Menschen, auch wenn diese Einstellung im Widerspruch zum eigenen Wissenschaftsglauben steht.

„Auf dem Sofa saß Schiller und gähnte verstohlen“

Als junger Wissenschaftler nahm Gauß den Weg nach Königsberg auf sich, um den tief verehrten Kant zu treffen – und findet einen alten Mann im Lehnstuhl vor, der in tiefster geistiger Umnachtung mit der Wand spricht. „Natürlich hat man zunächst seine Zweifel, ob man so einfach Goethe, Kant oder Thomas Jefferson auftreten lassen darf. So etwas ist schon eine große Überwindung“ lenkt Kehlmann ein. „Aber nach meiner Erfahrung lohnen sich Überwindungen immer, und im Nachhinein weiß ich, dass der Roman ohne diese Wagnisse überhaupt nicht funktioniert hätte.“ Zitate auf die Widersprüche unserer eigenen Zeit bleiben dabei nicht aus: wenn Humboldt, berühmt geworden, von mehr als hundert Schaulustigen auf den Popocatepetl begleitet wird, wo „Händler Erfrischungen verkaufen“ und Journalisten jede seiner Bewegungen protokollieren, ist der berühmte Abenteurer seiner Zeit unwillentlich zum Star und die Idee der Erstbesteigung als Medienereignis zur Farce geworden.

Die Macht der Nachgeborenen

Es ist eine Ironie, die den ganzen Roman durchzieht – auch Selbstironie. Schon auf den ersten Seiten spricht Gauß von der „Zumutung, in einer bestimmten Zeit geboren zu sein, ob man wolle oder nicht“, so dass „in zweihundert Jahren jeder Dummkopf (...) absurden Unsinn über seine Person erfinden könne“. Dieser „Dummkopf“ ist Kehlmann selbst, der neben einem Kosmos aus zugeschriebenen Gedanken und vernichteten Briefen die Flöhe unter Humboldts Zehennägeln „ergänzt“, wo die kanonisierte Überlieferung ihn lediglich deren Art bestimmen lässt. Aber genau diese Details in der Grauzone zwischen Überlieferung und Fiktion sind es, die nicht nur zwei große, hier sehr menschliche Forscher, sondern eine ganze Zeit erstaunlich lebendig machen.

(von Friederike Rüll, http://www.titel-forum.de )

P.S.: Vor kurzer Zeit habe ich dieses Buch gelesen (leider nur die tschechische Übersetzung) und muss sagen, dass es sicher lesenswert ist!

1 Kommentar 12.2.08 17:51, kommentieren